Die Psychosomatische Rehabilitation und die psychiatrischen Angebote der Klinikgruppe Valens stehen für einen ganzheitlichen, individuell abgestimmten Behandlungsansatz. Doch was bedeutet das konkret im klinischen Alltag? Welche Entwicklungen prägen das Fachgebiet und welche Rolle spielen Selbstwirksamkeit, Beziehung und Zeit im Genesungsprozess?
Im Gespräch gibt Gilliane Alder, Chefpsychologin der Rehaklinik Gais, Einblick in ihre Arbeit, erläutert aktuelle Herausforderungen und zeigt auf, wie moderne Ansätze der Psychosomatischen Rehabilitation und Psychiatrie Menschen dabei unterstützen, psychische Stabilität und neue Lebensqualität
zu gewinnen.
Liebe Gilliane, was verstehst du unter einer psychosomatischen Rehabilitation, und wodurch unterscheidet sie sich von einer rein psychiatrischen Behandlung?
In der Psychosomatik liegt der Fokus seit jeher auf einer ganzheitlichen Betrachtungs- und Behandlungsweise, was sich bereits in der Begrifflichkeit (Psyche und Soma, also Körper) zeigt. Entsprechend sind ineinandergreifende und ergänzende Therapieelemente fest verankert im Verständnis einer psychosomatischen Rehabilitation. Dies hat dazu geführt, dass multimodale Behandlungselemente zentraler Bestandteil der Therapie sind. In einer rein psychiatrischen Behandlung werden diese eher situativ-ergänzend einbezogen. Weiter steht die Wiedereingliederung der Betroffenen in Beruf und Alltag in einer Reha im Vordergrund und reiht sich somit zeitlich eher nach einer psychiatrischen Stabilisierung ein. Entsprechend ist das Setting einer psychosomatischen Rehabilitation darauf ausgelegt, Alltagsfähigkeiten zu trainieren, selbstverantwortliches Denken und Verhalten zu üben sowie Perspektiven für die Zeit nach der stationären Behandlung zu entwickeln.
Gemäss dem Phasenmodell psychotherapeutischer Veränderungen von Kenneth I. Howard und Mitarbeitern konzentrieren sich die ersten beiden Phasen (Remoralisierungs- und Remediationsphase) eher auf eine rasche Symptomreduktion und Zustandsverbesserung. Dies wird tendenziell eher in einem rein psychiatrischen Setting angegangen und versucht. Die dritte Phase (Rehabilitation) konzentriert sich auf die längerfristige Wiederherstellung der allgemeinen Funktionsfähigkeit. Diese Phase nimmt für gewöhnlich auch am meisten Zeit in Anspruch, wodurch sich das eigenständige Behandlungssetting begründet.
Welche Diagnosen und Belastungen begegnen dir aktuell am häufigsten in der Psychosomatischen Rehabilitation und in der Psychiatrie?
Da wir in Gais hinsichtlich unseres Leistungsauftrages ein weniger breites Behandlungsspektrum haben als in Davos Clavadel, sind unsere behandelten Hauptdiagnosen auf depressive und somatoforme Störungsbilder sowie Anpassungsstörungen. Komorbid begegnen uns aber nahezu alle Diagnosen, wobei die Posttraumatische Belastungsstörung sowie Angst und Suchterkrankungen aktuell den grössten Anteil ausmachen und entsprechend in der Therapieplanung berücksichtigt werden müssen. Das Belastungsspektrum ist ebenfalls sehr breit, obschon wir aktuell nach wie vor häufig Belastungssituationen rund um Beruf (Überbelastungen, Konflikte, Entwicklungsperspektiven) und private Übergänge (Trennung, Auszug der Kinder, Pensionierung) beobachten. Es zeigt sich aber eine Entwicklung hin zu schwereren Verläufen und jüngeren Patientinnen und Patienten, was entsprechend strukturell wie auch therapeutisch berücksichtigt werden muss. Der Bereich der somatoformen Störungen zeigt sich eher unverändert, hier waren Schwankungen hinsichtlich Alter und Schweregrad schon immer zu beobachten.
Chronische Schmerzen spielen heute eine zentrale Rolle in der Psychosomatischen Rehabilitation. Was macht diese Patientengruppe besonders herausfordernd – und worauf kommt es in der Behandlung an?
Die chronische Schmerzstörung ist dahingehend herausfordernd, dass sie hinsichtlich Entstehung, Behandlung und Diagnostik sehr komplex ist. Zuerst müssen somatische Ursachen geklärt werden. Dabei wird zwischen organisch bedingten Schmerzerkrankungen sowie stressinduzierten Hyperalgesien (Überempfindlichkeit) unterschieden. Bei ersterem ist aus psychologischer Sicht vor allem das gleichzeitige Vorliegen psychologischer Faktoren zu prüfen. Sie können eine wesentliche Bedeutung hinsichtlich Schweregrad, Exazerbation und Aufrechterhaltung haben. Bei der stressinduzierten Hyperalgesie wiederum liegen primäre psychische Faktoren zugrunde, welche als Auslöser der Schmerzsymptomatik identifiziert werden können. Wobei auch da körperliche Faktoren substanziell beteiligt sein können. Diese Unterscheidung ist eine wichtige Voraussetzung für die Therapieplanung und letztlich zentral für die Wahl der Interventionen.
Allerdings ist dieser Prozess beziehungsweise die Diagnostik für die Patientinnen und Patienten häufig sehr langwierig und frustrierend, insbesondere, wenn dabei nichts Eindeutiges herauskommt. Diese Patienten werden häufig als Simulanten dargestellt oder treffen auf Ablehnung, vor allem dann, wenn sich auch die Behandelnden hilflos fühlen. Wenn die Patientinnen und Patienten dann letztlich in die Psychotherapie kommen, haben sie häufig bereits einen langen Weg mit vielen Frusterlebnissen hinter sich, weshalb wir gerade am Anfang der Beziehungsgestaltung viel Raum geben. Die Patienten brauchen Zeit, um Vertrauen zu entwickeln und sich ernst genommen zu fühlen.
Die Klinikgruppe Valens setzt auf einen ganzheitlichen, interdisziplinären Ansatz. Wie erlebst du die Zusammenarbeit zwischen Psychologie, Medizin, Pflege und Therapien im Alltag?
Die Bereiche arbeiten sehr eng zusammen und ergänzen sich auf vielfältige Weise. Das ist zentral für unsere Behandlung und es widerspiegelt unsere therapeutische Haltung. Mindestens einmal täglich wird im Rahmen des Stationsrapports der Austausch über sämtliche Patientinnen und Patienten gepflegt. In Ergänzung dazu finden einmal wöchentlich erweiterte Austauschtreffen statt, in die auch die restlichen Therapien miteinbezogen werden. Dazwischen wird natürlich auch offen und niederschwellig der Austausch gesucht, je nach Situation respektive Fall. Die Zusammenarbeit erfolgt auf Augenhöhe, es werden zielführende und patientenorientierte Konsense angestrebt.
Was ist aus deiner Sicht ein entscheidender Erfolgsfaktor, damit Patientinnen und Patienten nachhaltig Stabilität und Lebensqualität zurückgewinnen?
Vermutlich gibt es nicht einen entscheidenden Faktor. Es ist eher ein Zusammenspiel von unterschiedlichen Aspekten, die in der jeweiligen individuellen Krankheitsgeschichte relevant sind. Für gewisse Patientinnen und Patienten reicht es, sich eine Auszeit zu nehmen und etwas Kraft zu tanken. Für andere ist die Bewältigung der Vergangenheit zentral oder es stehen Herausforderungen in der Zukunft an, die besprochen und geplant werden müssen. Wichtig ist aus unserer Sicht, dass diese Individualität im Einzelfall berücksichtigt wird und in die Therapieplanung einfliesst. Manchmal ist es zudem nicht realistisch, dass sich der Zustand oder die Symptome während des Aufenthaltes bereits so stark verbessern, dass von Stabilität und Lebensqualität gesprochen werden kann. Dennoch ist es auch in einem solchen Fall wichtig, eine gute Auslegeordnung zu machen und zu schauen, was noch fehlt und was angegangen werden muss. Im klinischen engmaschigen Setting zeigen sich Bewältigungsprobleme oftmals besser als in der ambulanten Therapie. Diese Beobachtungen und Erfahrungen können wiederum in die weiterführende Betreuung und Behandlung miteinfliessen.
Welche Entwicklungen oder Schwerpunkte siehst du für die Psychosomatische Rehabilitation und die Psychiatrie in den kommenden Jahren?
Zum einen häufen sich die psychischen Erkrankungen, was einen Ausbau des Angebots bedingen würde. Gleichzeitig ist mit Blick auf die Kosten zu entscheiden, welche Behandlungswege ausgebaut werden müssen. Ambulant vor stationär ist nach wie vor die gängige Maxime, entsprechend müssen wir als Klinik schauen, wie wir diesbezüglich einen Mehrwert anbieten können. Hier gibt es Möglichkeiten im Sinne von Spezialisierungen (Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)), junge Erwachsene, Schwangere, Aufmerksamkeitsdefizit und Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS), Aspergersyndrom (Autismus-Spektrum-Störung ASS), aber auch die konsequente Weiterentwicklung von Mehrwertaspekten einer stationären Behandlung wie etwa Engmaschigkeit, Multimodalität oder Settingwechsel.
Weiter werden Themen wie demografischer Übergang, Zunahme der Erkrankungen im jungen Alter sowie neue Technologien zentral sein. Bei den aktuell sehr langen Wartezeiten für ambulante Behandlungen stellt sich zudem die Frage, ob situativ nicht zeitnah ein stationärer Aufenthalt Sinn macht, um langfristige Einschränkungen und Folgekosten zu verringern. Hier machen wir die Erfahrung, dass die eher frühe als späte Herausnahme aus dem belastenden Alltag die Möglichkeit gibt, weiterführende Negativdynamiken zu unterbrechen.
Chefpsychologin in der Rehaklinik Gais
«Wenn Patientinnen und Patienten letztlich in die Psychotherapie kommen, haben sie häufig bereits einen langen Weg mit vielen Frusterlebnissen hinter sich, weshalb die Beziehungsgestaltung im Fokus steht.»