Die Pflege steht unter hohem fachlichem und strukturellem Druck – gleichzeitig eröffnet insbesondere die Rehabilitation neue Chancen für Professionalisierung und Weiterentwicklung. Sabine Gschwend, Leiterin Pflegeentwicklung der Klinikgruppe Valens, spricht über ihren beruflichen Weg, ihre Motivation und darüber, wie Pflegeentwicklung den Alltag von Pflegefachpersonen konkret unterstützen kann.
Liebe Sabine, wenn du heute auf deinen beruflichen Weg zurückblickst: Gab es einen Moment in der Pflege, in dem dir klar wurde, dass du etwas verändern willst – und nicht nur mitarbeiten?
Ja, diesen Moment gab es sehr früh. Ich erinnere mich an einen Nachtdienst kurz nach meinem Diplomabschluss. Eine komplexe Patientensituation stellte uns vor fachliche Fragen, für die es im Team keine klare Antwort gab. Ich begann zu recherchieren, Fachliteratur zu lesen, Guidelines zu vergleichen und das Wissen direkt in die Praxis zu übersetzen. Als Kolleginnen später gezielt auf mich zukamen und sagten: «Ich bin froh, dass du das weisst – kannst du mich unterstützen? », wurde mir klar, dass mir genau das liegt: Wissen aufzubereiten, Sicherheit zu geben und Pflege weiterzuentwickeln.
Wie hat sich dein Weg von der Pflegepraxis hin zur Leiterin Pflegeentwicklung konkret entwickelt?
Ich bin ursprünglich diplomierte Pflegefachfrau und war lange im direkten Patientenkontakt tätig. Schon früh habe ich Zusatzfunktionen übernommen, etwa als Fachverantwortliche auf Station. Nach dem Bachelor und später dem Masterstudium zur Pflegeexpertin (APN) bin ich schrittweise in die strategische Arbeit hineingewachsen. Als Expertin blieb ich immer nah an komplexen Patientensituationen und im direkten Patientenkontakt. Diese Nähe zur Praxis prägt mich bis heute: Ich kenne die täglichen Herausforderungen auf den Abteilungen. Dieses Verständnis ist essenziell, um Lösungen zu entwickeln, die nicht nur auf dem Papier existieren, sondern dort ankommen, wo sie gebraucht werden.
Bevor du die Leitung Pflegeentwicklung übernommen hast, warst du als Pflegeexpertin tätig. Was zeichnete diese Rolle aus – und wie unterschied sie sich vom Management?
Die Rolle als Pflegeexpertin ist klar fachlich ausgerichtet. Ich war direkt in die Versorgung komplexer Patientenfälle involviert, habe Teams fachlich beraten, neue Standards und Richtlinien implementiert. Im Gegensatz zum Management, das sich auf Personalführung und Organisation konzentriert, liegt der Fokus der Pflegeexpertin auf der klinischen Qualität und dem Wissenstransfer. Es geht darum, Pflegefachpersonen im Alltag fachlich zu stärken und die Pflegequalität evidenzbasiert abzusichern. Dieses fachliche Fundament ist die Basis meiner Leitungsfunktion.
Was bedeutet Pflegeentwicklung bei der Klinikgruppe Valens ganz konkret – und woran merkt das Pflegepersonal im Alltag, dass es diese Funktion gibt?
Pflegeentwicklung bedeutet für mich, den Pflegealltag fachlich zu unterstützen und gleichzeitig zukunftsorientiert zu gestalten. Das reicht von Coaching und fachlichem Support über die Entwicklung von Standards und Richtlinien bis hin zu standortübergreifenden Projekten. Pflegefachpersonen spüren die Pflegeentwicklung durch den Einsatz von Fachverantwortlichen Pflege sowie Pflegeexpertinnen und -experten, welche sie im Alltag unterstützen. Unsere Arbeit in der Pflegeentwicklung wird jedoch oft nicht unmittelbar bemerkt, sondern zeigt sich indirekt an verbesserten Prozessen, klareren Standards oder neuen Instrumenten, die den Alltag von Pflegefachpersonen vereinfachen und sie auf komplexe Situationen besser vorbereiten.
Pflegeentwicklung klingt strategisch – gleichzeitig ist der Pflegealltag oft stark durch Zeitdruck geprägt. Wie bringst du Anspruch und Realität zusammen?
Indem ich sehr praxisorientiert arbeite. Strategische Konzepte bringen nur dann etwas, wenn sie im Alltag funktionieren. Deshalb ist es mir wichtig, Pflegefachpersonen früh einzubeziehen, Rückmeldungen ernst zu nehmen und Lösungen zu entwickeln, die tatsächlich entlasten. Pflegeentwicklung soll nicht zusätzliche Arbeit schaffen, sondern Qualität sichern und den professionellen Handlungsspielraum der Pflegefachpersonen erweitern.
In der Klinikgruppe Valens arbeiten Pflegeentwicklung und Pflegemanagement eng zusammen. Wie grenzt sich deine Rolle von jener von Stefan Pott, Direktor Pflege, ab?
Die Abgrenzung ist klar und gleichzeitig sehr komplementär. Stefan ist eindeutig im Management verankert: Er trägt die Gesamtverantwortung für die Personalführung, die wirtschaftliche Organisation und die strategische Ausrichtung des Pflegedienstes. Ich hingegen verantworte die fachlich-inhaltliche Dimension. Ich bin zuständig für die evidenzbasierte Weiterentwicklung der Pflege. Wir arbeiten eng zusammen, stimmen uns regelmässig ab und bringen unterschiedliche Perspektiven ein – Management und Fachlichkeit.
Was sind aus deiner Sicht derzeit die grössten Herausforderungen für die Pflege, speziell im Rehabilitationsbereich, und wo siehst du gleichzeitig Chancen?
Die zunehmende Komplexität der Patientensituationen ist eine grosse Herausforderung. Doch genau hier liegt die Chance für die Rehabilitationspflege: Sie ist ein hochprofessionelles Feld, in dem Pflege eine enorme Eigenständigkeit besitzt. Wir begleiten Patientinnen und Patienten über lange Zeiträume und gestalten den Genesungsprozess massgeblich mit. Das ist eine grosse Chance für die Professionalisierung und Attraktivität der Pflege.
Wenn wir in fünf bis zehn Jahren auf die Pflege bei Valens schauen: Was sollte sich aus deiner Sicht verändert haben?
Ich wünsche mir eine Pflege, die stärker durch digitale Tools unterstützt wird – etwa durch intelligente Dokumentationssysteme oder Sprachassistenz, damit wieder mehr Zeit für den Patienten bleibt. Gleichzeitig sehe ich neue Rollen für Pflegefachpersonen, insbesondere mit erweiterten Kompetenzen und akademischem Hintergrund.
Was gibt dir persönlich die Motivation, dich täglich für Pflegeentwicklung einzusetzen – auch dann, wenn Veränderungen Zeit brauchen?
Mich motiviert, dass Pflegeentwicklung nachhaltig wirkt. Auch wenn Veränderungen Zeit brauchen, sehe ich, wie Mitarbeitende im Bereich der Rehabilitationspflege an Wissen gewinnen, wie Qualität steigt und wie die Pflege als Profession gestärkt wird. Teil dieser Entwicklung zu sein und die Rehabilitationspflege in der Schweiz aktiv mitzugestalten, empfinde ich als sehr sinnstiftend.
Sabine Gschwend
Leiterin Pflegeentwicklung der Klinikgruppe Valens
«Ich wünsche mir eine Pflege, die stärker durch digitale Tools unterstützt wird – etwa durch intelligente Dokumentationssysteme oder Sprachassistenz, damit wieder mehr Zeit für den Patienten bleibt.»
Zur Person
Sabine Gschwend (34) arbeitet mit Unterbruch seit rund neun Jahren für die Klinikgruppe Valens. Zuerst als diplomierte Pflegefachperson, dann als Fachverantwortliche Pflege, gefolgt von der Anstellung als Pflegeexpertin MScN am Standort Valens mit Schwerpunkt Rheumatologie / Neurologie. Seit Mai 2025 leitet sie den Bereich Pflegeentwicklung der Klinikgruppe Valens. Nach dem Master of Science – Studium in Pflege im Jahr 2019 – vertieft sie derzeit ihre wissenschaftliche Expertise mit einem Doktoratsstudium (Dr. scient. med.) an der Privaten Universität im Fürstentum Liechtenstein (UFL). Ihr Forschungsschwerpunkt liegt im Bereich der Rehabilitationspflege. Privat findet sie Ausgleich auf Skitouren, beim Klettern und in der Natur. Sie lebt mit ihrem Partner in Altstätten.