Für viele Menschen mit Multipler Sklerose beginnt eine Einschränkung der Mobilität nicht erst mit offensichtlichen Gehproblemen. Oft sind es Unsicherheiten beim Gehen, Stolperer oder die Sorge vor einem Sturz, die den Alltag zunehmend beeinflussen. Genau diesem Thema widmete sich der diesjährige MS-Infotag der Klinikgruppe Valens in Zusammenarbeit mit der Schweizerischen MS-Gesellschaft. Im Mittelpunkt stand die Frage: Wie lässt sich das Gleichgewicht gezielt trainieren und damit die Mobilität langfristig erhalten?
«Gleichgewicht» klingt zunächst einfach. Tatsächlich ist es jedoch ein hochkomplexes Zusammenspiel verschiedener Systeme im Körper. Damit wir sicher stehen und gehen können, müssen Muskelkraft, Koordination, Sinneswahrnehmung und die Verarbeitung der Informationen im Gehirn perfekt zusammenspielen.
Die Physiotherapeutin und wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der Klinikgruppe Valens, Isa Slotboom, erklärte, dass das Gleichgewicht praktisch bei jeder Bewegung gefordert ist. Sei es beim Gehen, beim Treppensteigen, beim Ausweichen in einer Menschenmenge oder beim Griff nach einer Tasse im Küchenschrank.
Bei MS können verschiedene dieser Systeme beeinträchtigt sein. Dazu gehören beispielsweise die Kraft in den Beinen, die Wahrnehmung der eigenen Körperposition oder die Geschwindigkeit, mit der das Gehirn Informationen verarbeitet.

Wenn die Angst vor dem Sturz zum Problem wird
Besonders belastend ist für viele Betroffene nicht nur die Gleichgewichtsstörung selbst, sondern die Angst vor einem möglichen Sturz.
Wer unsicher unterwegs ist, bewegt sich oft weniger, verlässt seltener das Haus oder verzichtet auf Aktivitäten mit Familie und Freunden. Dadurch entsteht ein Teufelskreis: Weniger Bewegung führt langfristig zu noch mehr Kraftverlust und Unsicherheit.
«Wir wollen, dass die Menschen aktiv bleiben», betonte Isa Slotboom. Denn körperliche Aktivität sei für Personen mit MS besonders wichtig und könne wesentlich dazu beitragen, Mobilität und Lebensqualität möglichst lange zu erhalten.
Herausforderung statt Schonung
Ein zentrales Thema des Referats war die Frage, wie Gleichgewichtstraining wirksam gestaltet werden kann.
Lange Zeit war unklar, wie intensiv ein solches Training sein sollte. Reicht es, einfache Übungen auszuführen? Oder braucht es bewusst herausfordernde Situationen?
Aktuelle Forschungsarbeiten zeigen, dass wirksames Gleichgewichtstraining durchaus anspruchsvoll sein darf. Die Übungen sollen die Betroffenen fordern und an ihre persönliche Leistungsgrenze heranführen, ohne dabei unnötige Risiken einzugehen.
Hierfür setzt die Klinikgruppe Valens in einem Forschungsprojekt auf spezielle Sicherheitssysteme mit Auffanggurten. Dadurch können die Teilnehmenden Übungen absolvieren, die im Alltag möglicherweise zu riskant wären. Die Angst vor Stürzen wird reduziert, während gleichzeitig ein intensiveres Training möglich wird.
Neue Forschung für mehr Sicherheit im Alltag
Gemeinsam mit internationalen Partnern untersucht die Klinikgruppe Valens derzeit, wie die Intensität von Gleichgewichtstraining besser gemessen und individuell angepasst werden kann.
Das Ziel: Jede Person soll genau die Herausforderung erhalten, die ihrem Leistungsniveau entspricht. Denn was für die eine Person einfach ist, kann für eine andere bereits eine grosse Herausforderung darstellen.
Die Forschenden hoffen, dadurch künftig noch gezielter trainieren und die Wirkung des Trainings weiter verbessern zu können.
Mobilität braucht einen ganzheitlichen Ansatz
Der MS-Infotag zeigte aber auch: Gleichgewicht ist nicht alles.
Der Ärztliche Direktor Neurologie, Frührehabilitation und Psychiatrie, Dr. med. Dr. Sc. nat. Roman Gonzenbach, stellte verschiedene medizinische Möglichkeiten vor, die das Gehen positiv beeinflussen können. Dazu gehört beispielsweise das Medikament Fampridin, das bei einem Teil der Betroffenen die Gehfähigkeit verbessern kann. «In ausgewählten Fällen kann das Medikament einen wirklich merklichen Unterschied machen», erklärte Roman Gonzenbach.
Auch Behandlungen gegen Spastik, etwa mit Botulinumtoxin oder weiteren medikamentösen Verfahren, können die Mobilität verbessern, wenn Muskelverkrampfungen das Gehen erschweren.

Bewegung bleibt der wichtigste Baustein
Einen weiteren Schwerpunkt setzte Dr. Jens Bansi, Leiter Forschung und Entwicklung im Bereich der Therapien bei der Klinikgruppe Valens. Seine Botschaft war klar: Bewegung wirkt.
Regelmässige körperliche Aktivität verbessert nicht nur Kraft und Ausdauer, sondern unterstützt auch Gleichgewicht, Mobilität und Selbstständigkeit.
«Wichtig sind vor allem Disziplin und die Regelmässigkeit», betonte Jens Bansi. Entscheidend sei nicht die perfekte Trainingsform. Vielmehr gehe es darum, eine Aktivität zu finden, die Freude bereitet und langfristig in den Alltag integriert werden kann.
Fazit
Die gute Nachricht des MS-Infotags lautet: Gleichgewichts- und Gangstörungen müssen nicht einfach hingenommen werden. Gezieltes Training, moderne Therapien und neue Forschungsansätze eröffnen zahlreiche Möglichkeiten, die Mobilität zu verbessern oder länger zu erhalten.
Wer sich bewegt, trainiert nicht nur seine Muskulatur, sondern stärkt auch sein Vertrauen in den eigenen Körper. Und genau dieses Vertrauen ist oft der erste Schritt zu mehr Sicherheit und Selbstständigkeit im Alltag.